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Mit Sicherheit kein gutes Gefühl
Die USA fordern zwar
Hightech-Pässe - doch die Technik ist noch so unfertig,
dass sie zu Chaos an Grenzen führen könnte.
18.03.2004
Von Christiane Schulzki-Haddouti
Geht es um Sicherheit, fällt
meist ein Wort: Kontrolle. Die Idee dahinter ist simpel: Wer
als möglicher Terrorist erkannt wird, ehe er das Flugzeug,
Stadion oder einen Staat betritt, kann keinen Schaden mehr
anrichten. Je genauer die Kontrollen, umso besser, sagen
Sicherheitsexperten.
Von 26. Oktober an werden Reisende
dies an den amerikanischen Grenzen deutlich spüren. Von
diesem Tag an wird die Einreise ohne Visum nur möglich sein,
wenn der Reisepass biometrische Daten enthält.
Jeder Mensch, so der Tenor,
besitze einzigartige Merkmale, über die er sich eindeutig
identifizieren lasse. Auf der Cebit kündigte auch der
deutsche Innenminister Otto Schily am Donnerstag eine neue
Generation von Personalausweisen an: Ein integrierter Chip
solle die Dokumente noch sicherer machen.
Dabei wird oft vergessen, dass die
viel gepriesenen biometrischen Systeme keineswegs so weit
entwickelt sind, wie es den Heimatschutz-Träumen westlicher
Regierungen entspräche.
Erst kürzlich testete die
International Biometric Group (IBG), die auch die US-Regierung
berät, Erkennungssysteme von elf Herstellern für
Fingerabdruck, Iris, Gesicht und Handgeometrie.
Dabei stellte sie enorme
Unterschiede fest: Bei der Ersterfassung ergaben sich
Fehlerraten von bis 23 Prozent. Nach sechs Wochen wurden bis
zu zwei Drittel zugangsberechtigter Personen bei Kontrollen
fälschlicherweise abgewiesen.
Dies hat zwei Ursachen: Zum einen
können sich Körpermerkmale wie der Fingerabdruck im Laufe
der Zeit ändern, zum anderen wechselt auch das Verhalten
der Menschen: Wochen später legen manche Menschen ihren
Finger ein wenig anders auf den Sensor als beim Erstkontakt.
Das Bundesamt für Sicherheit in
der Informationstechnik (BSI) stellte im vergangenen Jahr
noch desaströsere Ergebnisse vor: Im Praxistest, der eine
Zugangskontrolle nachstellte, erkannten zwei der vier
getesteten Systeme „fast keine der Testpersonen, wobei das
schlechtere dieser beiden Systeme so unzuverlässig war,
dass es nur an wenigen Tagen überhaupt in Bereitschaft
war", so der BSI-Testbericht. Die Erkennungsleistung der
anderen Systeme lag unter 50 Prozent.
Im Angesicht solcher Ergebnisse
betont IBG-Direktor Dennis Carlton nicht nur den technischen
Nutzen biometrischer Systeme: Diese müssten gar nicht zu
100 Prozent sicher sein, um ihre Wirkung zu entfalten.
„Die bloße Existenz eines Geräts,
das einen Menschen mit seinen Ausweispapier in Verbindung
bringen kann, wird für viele Betrüger abschreckend sein."
Auf der Cebit in Hannover zeigen
mehrere Unternehmen bereits Prototypen der Hightech-Pässe.
So präsentiert die Firma Idencom Muster für deutsche, österreichische
und skandinavische Reisepässe mit einem integrierten RFID-Chip,
einem Speicherbaustein, dessen Daten sich per Funk lesen
lassen.
Hält der Beamte den Ausweis in
maximal zehn Zentimeter Entfernung über ein bläulich
leuchtendes Gerät, werden das digitalisierte Bild des
Inhabers, zwei gespeicherte Fingerabdrücke und persönliche
Informationen ausgelesen und auf einem Bildschirm angezeigt.
Diese unsichtbaren Daten
vergleichen die Grenzbeamten mit dem gedruckten Pass. Das
passende Lesegerät hat die Bundesdruckerei bereits in europäische
und asiatische Länder für Feldtests verkauft.
Für die Niederlande und Irland
stellt die Firma Enschede/SDU bereits Pässe und
Personalausweise aus Polycarbonat her, die sich mit
kontaktlosen RFID-Speicherchips aufrüsten lassen. Mit französischen,
österreichischen, schwedischen und slowenischen Firmen
entwickelt der Chiphersteller Infineon im EU-Projekt
„Digital Passport" enie neue Generation von Reisepässen.
Infineon ist an mehr als zehn Pilotprojekten in Australien,
den USA und Singapur beteiligt.
Ende März wird sich die
Internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO in Kairo
treffen, um über internationale Standards für Reisepässe
zu beraten. Die UN-Behörde will dabei einen Vorschlag
verabschieden, wonach von 2006 an alle Länder Reisepässe
ausstellen können, deren biometrische Daten sich über
einen RFID-Chip aus einer Entfernung von maximal zehn
Zentimetern auslesen lassen.
Als geeignetes biometrisches
Merkmal bestimmte die ICAO schon im Sommer 2000 die
Gesichtserkennung. Diesen Vorschlag griff schon im Februar
der EU-Rat mit einer eigenen Initiative auf:
Sicherheitsmerkmale in EU-Reisepässen sollen von 2005 an
einem einheitlichen Standard genügen.
Noch sind sich die EU-Länder aber
uneins, welche zusätzlichen Merkmale enthalten sein sollen.
Neben der von der ICAO vorgegebenen Gesichtserkennung dürfen
EU-Staaten Fingerabdrücke und Iris speichern.
Vor allem Deutschland, Italien und
Frankreich hatten die freiwilligen Zusatzmerkmale gefordert,
um ihre präferierten Techniken umsetzen zu können.
Bundesinnenminister Otto Schily
etwa schätzt den Fingerabdruck, da er „für die Suche in
großen Dateien besonders geeignet" sei. Dabei sei, so ein
Experte des österreichischen Innenministeriums, diese
Methode nur für „Eins-zu-eins"- Abgleiche des
gespeicherten mit dem realen Fingerabdruck geeignet.
Ein Abgleich mit einer Datenbank führt
bislang zu hohen Fehlerraten.
Technisch ausgereift sind die
neuen Pässe also keineswegs. Sorgen macht den Experten auch
die Haltbarkeit. Zehn Jahre lang sollte ein Reisepass mit
Chip und Funkantenne funktionieren, egal wie oft er
abgestempelt oder geknickt wird.
Solche Probleme sind mittlerweile
auch dem US-Innenministerium klar geworden. Da wohl kein
Land die neuen Reisepässe bis zum 26. Oktober fertig hat,
erwägt die Behörde nun, den Termin um zwei Jahre zu
verschieben.
Zu all den offenen Fragen kommt
schließlich noch die Kostenfrage hinzu: Der US-Rechnungshof
rechnet mit einem Aufwand von bis zu 8,8 Milliarden
US-Dollar und rund 2,4 Milliarden Dollar jährlichen
Folgekosten, wenn biometrische Pässe in den USA eingeführt
werden.
Biometrische Visa verursachen
Kosten von 2,9 Milliarden Dollar allein bei der Einführung
- jährlich ergeben sich Folgekosten von bis zu 1,4
Milliarden Dollar. Auch in Deutschland sind Kosten und
Folgen zwar untersucht, doch die Machbarkeitsstudie, die dem
Bundeswirtschaftsministerium seit Januar vorliegt, ist
bislang nicht veröffentlicht.
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